Winfried Stürzl: Next big gem

NEXT BIG GEM

Raumplastik, Kunst im öffentlichen Raum

 

Fabian Treiber lotet als Maler die Potenziale der Form aus. Die in Mischtechnik arrangierten, geometrisch-abstrakten Formen seiner Gemälde spielen mit der Wahrnehmung: Sie lassen so etwas wie stereometrische Körper entstehen, die einerseits Assoziationen oder Erinnerungen auslösen, etwa an Architektur, sich bei genauerem Hinsehen aber konstruktiv auch immer wieder selbst ad absurdum führen. Farbigkeit und Oberflächenbehandlung spielen mit Kontrasten und geben – dank gestischer Eingriffe – zugleich dem Zufall Raum.
Bei einem ersten Blick auf seine Installation in der Klett-Passage scheint es, als habe sie mit dem malerischen Tun des Künstlers nur wenig gemeinsam. Schon das alltägliche Material – mehrere Ketten von Wimpeln aus Spiegelfolie – ist präfabriziert und hat selbst nicht einmal eine eigenständige Farbigkeit. Bei genauerem Hinsehen aber ändert sich die Situation. Denn betrachtet man die Arbeit von ver-schiedenen Standpunkten aus, tritt die Eigenform der Wimpel und die Interaktionen der Dreiecke untereinander in den Vordergrund. Es kommt zu Verschiebungen, Dopplungen, Einrückungen, wodurch permanent neue Formen hervorgebracht werden. Das strenge, serielle Prinzip der Vervielfältigung ein und derselben Form wird hier zur Voraussetzung einer – durch die Bewegung des Betrachters – im Wandel begriffenen Variation. Und dank der Reflexionsflächen ist der Umraum mit in die Komposition einbezogen, die sich im Auge zu einer Art dreidimensionalem Bild formt.
So gesehen, lässt sich die Arbeit von Fabian Treiber für die KlettPassage also doch auch als eine Malerische begreifen. Nur dass die Prinzipien seines Tuns hier ins Räumliche übertragen sind. Auch der Zufall findet darin seinen Platz: Anstelle gestischer Eingriffe bilden hier die Spiegelungen den Gegensatz zur perfekten Form. Und auch der Plexiglaskubus selbst ist als Zufallsvorgabe eingebunden. Der in ihn eingepasste Rahmen, an dem die Wimpelschnüre befestigt sind, misst 2 x 2 Meter und hat damit exakt gleiche Seitenlängen. Der Titel der Arbeit, „Next Big Gem“ – „Nächstes großes Juwel“ oder „Glanz-stück“ –, bezieht sich damit vielleicht nicht nur auf Material und Form der Installation, sondern – metaphorisch – auch ganz allgemein auf das Potenzial der Kunst, aus der Intuition heraus immer wieder zu überraschend präzisen Ergebnissen zu gelangen.

 

Winfried Stürzl, Stuttgart 2013

Der Text erschien anlässlich der Preisträgerpräsentation der Arbeiten in der Klett-Passage im Sommer 2013