Hans Jörg Fröhlich: Das plausible Nichts

 

Die Arbeiten des Stuttgarter Malers Fabian Treiber (*1986) bergen jeweils ein Geheimnis. Nicht zwei, auch nicht drei, nein, ein Geheimnis. Den Betrachtern geriert sich die mit Acryl, Öl und Kunstharz gestaltete Leinwand nicht als völliges Rätsel, sondern als vollkommenes Rätsel. Treibers Formen sind oft an der Grenze zur Benennbarkeit. Die Umrisse so mancher Farbflächen suggerieren Gesichter im Profil, aufsteigende Vögel, Zungen. Doch es ist die Aufgabe des Betrachters, genau diese Konkretisierungen nicht sehen zu wollen. Denn dies würde zu einer Preisgabe der Erfahrung des ästhetischen Reizes des jeweiligen Bildes führen und ein Kosten des Geheimnisses verhindern. So gesehen sind Treibers Arbeiten eine Schule des Sehens, im Sinne von Loslassen, von nichts erwarten. Man muss seine Kunst mit leeren Augen betrachten, um sie in vollem Umfang goutieren zu können. Es ist heute schwer Bilder zu betrachten ohne zu projizieren, die visuellen Medien überschütten uns mit suggestivem Material. Treibers Malerei ist das exakte Gegenteil von Stock-Fotografie. Diese von Bildagenturen bevorrateten (Engl: in stock) Bilder zeigen typische Situationen: das Glück im Alter, der verkaterte Morgen, das erfolgreiche Team, die Nachricht vom Lottogewinn. An diesen Fotos ist alles falsch, die Personen sind Prototypen, die Interieurs sind pure Staffage, die Gesichtsausdrücke sind wie gestempelt, die transportierten Emotionen sind frei erfunden. Alle Bildbestandteile findet nur exemplarische Verwendung. Ein Stock-Foto schreit genau eine, exakt umrissene Aussage in die Welt, ist eineindeutig und in einem neurotischen Maße geheimnisfrei. Treibers Arbeiten sind ebenso exakt in ihrer Befähigung etwas zu zeigen. Sie zeigen nichts. Und dies mit größtmöglicher Präzision und ohne jedes Vertun. Nun zeigt mindestens die Hälfte der Kunstwerke der letzten 100 Jahre nichts, doch selten ist dieses Nichts so haarscharf umrissen, wie bei Treibers gelungensten Arbeiten. Und diese Akkuratesse beim Umschiffen von konkreten Anhaltspunkten, deutlichem Assoziationsfutter und damit gelenkter Sinngebung, befähigen sie zum Geheimnis. Ein vollkommenes Geheimnis fußt immer in einem plausiblen Nichts. Wie eine Seerose in einem schattigen Teich wurzelt: man sieht ihre Wurzeln nicht, man denkt nicht, dass sie welche haben könnte, man will gar nicht, dass sie welche hat, weil man sie nicht braucht! Die wurzellose Seerose ist die größere Aussage, die komplettere. Die Frage nach der Herkunft stellt sich nicht. Sobald etwas erklärt, etwas hergeleitet wird, geht es kaputt. Geheimnisse kann man nur erfahren, nicht ergründen.

Wie schafft Treiber diese Gradwanderung, diese seltene Balance? Das Stichwort ist Vertrauen. Die Methode: gut kontrollierte Vermeidung von Kontrolle. Impuls, Affekt, Zufall sind wesentliche Aggregatzustände in seinen Bildern. Der Umgang mit diesen Dreien erfordert Vertrauen. Treiber vertraut, wenn schon nicht dem Gang der Welt, der ihn wohl, wie uns alle, verunsichert, so doch seiner Intuition, Kreativität, seinen Händen. Der Maler, nicht als Regisseur oder Autor, sondern als Werkzeug der Bilder – die Betrachter sind im günstigsten Fall der Nährboden. Aber nur, wenn sie nicht wissen wollen, wenn sie nicht erkennen oder begreifen wollen. Wenn sie sich also frei machen von der Furcht vor dem Bestimmungslosen, von der Angst vor dem Tod der Kategorie. Treibers freigestellte einfarbige Formen weisen uns den Weg: die Kontur ist mit einer anderen Farbe unterlegt, die subtil durchscheint. Hier siedelt die Corona. Innerhalb der freigestellten Formen, herrscht eine monochrome Aufgeräumtheit, die aber eine Struktur aufweist, wie eine alte regenverwaschene Hauswand. Hier siedelt die Patina. Zwischen Corona und Patina atmet Treibers magischer Kosmos, und ohne dass der Stuttgarter Künstler dazu konkreter werden muss, fängt er in seiner Malerei jenes Pendeln zwischen zwei Polen ein, das für unsere Zeit, für unsere Alltage, für unsere Gemüter so charakteristisch ist: das Pendeln zwischen Euphorie und Erschöpfung.

Hansjörg Fröhlich, Stuttgart 2015

Katalogtext zum Katalog „Einige Arbeiten“